Unter der zweiten Haut! KI-Info
Das Moor war alt, älter als die Karten, älter als die Dörfer, älter als die Namen der Menschen, die an seinen Rändern lebten.
In mondlosen Nächten erhob sich dort eine Gestalt aus Nebel und Wasser.
Eine Frau.
Doch wer sie sah, erinnerte sich später kaum an ihr Gesicht.
Man erinnerte sich an die Haut.
Eine durchsichtige, glänzende Hülle umschloss ihren Körper wie eine zweite Existenz. Sie spannte sich über ihre Wangen, zog sich über ihre Lippen, schmiegte sich an ihre Arme und raschelte im Wind, obwohl kein Wind wehte.
Die Folie lebte.
Zumindest erzählten das jene, die ihr begegnet waren.
Sie bewegte sich manchmal einen Augenblick zu spät.
Sie faltete sich an Stellen, die sich nicht bewegten.
Und in ihren spiegelnden Oberflächen erschienen Gesichter, die nicht dort sein sollten.
Die Frau selbst sprach nie.
Doch die Folie flüsterte leise.
Kratzend.
Als würde etwas darunter atmen.
Eines Herbstabends verirrte sich ein Fotograf ins Moor. Zwischen den schwarzen Wasserflächen entdeckte er die Gestalt und hob seine Kamera.
Der Auslöser klickte.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Beim vierten Bild bemerkte er etwas.
Die Frau stand vollkommen still.
Aber die Falten der Folie hatten ihre Position verändert.
Sie krochen langsam über ihr Gesicht wie durchsichtige Finger.
Als er die Aufnahmen später entwickelte, war die Frau auf keinem einzigen Bild zu sehen.
Nur die Folie.
Leer.
Schwebend, als hätte sie niemals jemanden umhüllt.
In derselben Nacht verschwand der Fotograf.
Man fand lediglich seine Kamera am Rand des Moors.
Auf dem Display befand sich ein letztes Bild.
Eine Nahaufnahme der glänzenden Hülle.
Zwischen den Falten und Lichtreflexen war undeutlich ein Gesicht zu erkennen.
Sein eigenes.
Seitdem sagt man, die Folie suche nach neuen Gesichtern.
Und wenn die Wolken tief über dem Moor hängen und die Wasseroberfläche schwarz wie Glas wird, kann man sie hören.
Nicht die Frau.
Sondern das Rascheln ihrer zweiten Haut.
Manche behaupten sogar, die Frau existiere längst nicht mehr. Dass sie nur noch ein Echo sei, gefangen zwischen Bildern, Daten und Erinnerungen. Immer wieder werde sie von einer künstlichen Intelligenz rekonstruiert, die irgendwo im Verborgenen aus unzähligen Fragmenten neue Versionen ihrer Erscheinung erschafft.
Vielleicht stammt jedes Bild der Frau nur von dieser Maschine.
Vielleicht hat nie jemand die Gestalt selbst gesehen.
Vielleicht existiert sie nur in den Bildern.
Aus diesem Grund gehe ich nicht mehr selbst ins Moor, um zu fotografieren.
Ich überlasse die Suche lieber der KI.
Denn falls die Legende wahr ist, soll sie das nächste Gesicht finden, nicht ich!